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Psychologie / Forschungsergebnisse und Beobachtungen

(„Quelle“ Carsten Unger / Verlag-ganzheitliches Leben)

Forschungsergebnisse und Beobachtungen

• Erhöhung innerer Achtsamkeit
• Vertiefung des Kontaktes nach Innen
• Verstärkte Selbstannahme
• Verminderung Emotionaler Labilität und Angst erleben
• Reduzierung depressiver Tendenzen
• Verringerung von Abhängigkeitshaltungen
• Stärkung der Selbststeuerung und Eigenverantwortung
• Das Ich als Konstruktion

Erhöhung von innerer Achtsamkeit; Gewahr sein

Alle Übungen des Yoga haben die Entwicklung dieser inneren Haltung zum Ziel; gleichzeitig stellt diese eine Voraussetzung dar, um überhaupt eine Übung als yogisch zu bezeichnen. Es wird eine innere Zentrierung, ein Wahrnehmen der inneren Welt erlernt. Das „Außer – mir - Sein“, das verlieren in der äußeren Welt und der daraus oft entstehende massive Handlungsdruck wird gemildert. Für einen Yoga - Übenden mag diese Veränderung lediglich als eine Vorbedingung für Weiteres erscheinen. Für die psychologische Forschung ist sie ganz wesentlich, da die Herstellung des Kontaktes nach innen auch eine zentrale Voraussetzung für die Wirksamkeit psychotherapeutischer Interventionen ist. Vor dem Hintergrund dieser Basis Veränderung sind die weiteren Auswirkungen zu verstehen. Das häufige Erwähnen von innerer Achtsamkeit kann zu einem, Missverständnis führen, welches einer möglichen Fehlentwicklung auf dem Übungsweg zugrunde liegt. Innere Achtsamkeit bedeutet nicht nur bewusstes Beobachten der Bewegungen meines Geistes, also der Inhalte meines Bewusstseins. Darüber hinaus ist es ein nicht bewertendes und damit nicht - identifiziertes Zulassen von dem, was ist. Dadurch wird der schmale, an mein bewusstes Ich gekoppelte Wahrnehmungsausschnitt erweitert. Mit dem Ich gewollte innere Wahrnehmung bedeutet häufig auch Bewertung, Kontrolle und Konstruktion. Das gesamte Feld meines Geistes - das, was ist - geht weit über dieses Fenster meines bewussten Ich hinaus. Es umfasst mein ganzes Sein, und dies ist das Spektrum, welches der inneren Achtsamkeit zur Verfügung steht. Zugang hierzu kann jedoch nur über einen zulassenden und loslassenden Wahrnehmungsmodus erreicht werden. Loslassen von Erwartungen und Ängsten, Zulassen von Unerwartetem, Abgelehntem und nicht zu meinem Bild von mir und der Welt Passendem. So verstanden und praktiziert erweitert die innere Achtsamkeit den Raum meiner Wahrnehmung und eröffnet eine existentielle Tiefendimension. Mein bewusstes Ich ist an

Gedanken, Gefühle und Sprache gebundene Oberfläche, mein umfassendes, nicht - bewusstes Sein ist nicht - sprachliche, nicht an Bewusstseinsinhalte gebundene Tiefe, die Annäherung an mein Selbst. Innere Achtsamkeit in einseitiger Konzentration auf das bewusste und willentliche Ich-Erleben kann als Fehlentwicklung gerade zu einer Abwehr von existentieller Tiefe führen. Sie zeigt sich in einer als quälend erlebten, überzogen deutlichen, grüblerischen und kontrollierenden Wahrnehmung von Gedanken, Gefühlen oder einer bis ins ängstlich-neurotische übersteigerten Wahrnehmung von Körperfunktionen

Vertiefung und Differenzierung des Kontaktes nach innen

Der Übende erfährt eine größere Nähe zu sich selbst. Diese besteht in einer früheren und feineren Wahrnehmung der eigenen Bedürfnisse: Wie geht es mir? Was brauche ich? Was tut mir gut bzw. was behindert mich? Ebenfalls sind ein verstärkter Kontakt mit der eigenen Gefühlswelt (positive und negative Stimmungen) und eine intensivere Wahrnehmung der eigenen Gedankentätigkeit und des sog. 'Selbstdialogs' damit verbunden. Insgesamt wird häufig von einer Verstärkung des Identitätsgefühls gesprochen ('Ich habe mich selbst mehr kennen gelernt'). Diese Entwicklungen machen besonders die Meditation geeignet, eine parallel durchgeführte psychotherapeutische Behandlung in ihrer Wirksamkeit zu unterstützen. Verschiedentlich wird ein intensiveres Lebensgefühl oder 'mehr Lebendigkeit' erwähnt. Es geht an dieser Stelle also gerade nicht um das oft falsch verstandene yogische Ideal der Ent- Ichung, dem Zurückdrängen von Gefühlen und Bedürfnissen sondern um ein intensives Kennen lernen meiner selbst, ein Anschauen wer ich bin, was mich ausmacht, wo ich stehe - und zwar wahrhaftig in Sinne des Selbststudiums mit all meinen Schwächen und Ungereimtheiten. Denn ich kann nur verändern, was ich annehme als Teil meine selbst; ich kann nur loslassen, was ich zunächst habe. Jede Facette meines Seins, die verzerrt, ignoriert oder verdrängt - kurz: abgelehnt wird, kann nicht Gegenstand einer konstruktiven Transformation sein.

Verstärkte Selbstannahme

Die achtsam beobachtende, nicht bewertende Haltung sich selbst gegenüber im Verlauf der konkreten Hatha- und Meditationsübung wird häufig in den alltäglichen Bereich generalisiert. Zuvor stark negativ bewerte, zensierte Gefühle oder Gedanken - ganz allgemein Anteile der eigenen Person, die abgelehnt oder ausgeblendet wurden - werden teilweise in das Selbstbild integriert, so dass dieses entsprechend erweitert und angepasst werden kann. Eine Vergrößerung der Kongruenz und persönlichen Authentizität ist die Folge; konkret werden die Wahrnehmungs- und Handlungsmöglichkeiten erweitert. Verschiedene Studien haben eine Zunahme positiver Selbstbildaspekte wie Selbstachtung, Selbstakzeptanz und Selbstsicherheit gefunden. Dabei stehen eine größere Stabilität und Positivität des Selbstbildes und ein konstruktiverer Selbstdialog im Vordergrund. Besonders wurden das auseinander fallen von Selbst- und Wunschbild und die damit einhergehende Konfliktspannung verringert. Therapie begleitend hat sich die Meditation als hilfreich erwiesen, die konstruktive Auseinandersetzung des Klienten mit sich selbst zu fördern und ausgeprägte Selbstunsicherheiten zu verringern.

Verminderung von emotionaler Labilität und Angsterleben

Insgesamt sind gute Wirkungen des Yoga bei vielen Funktionen zu beobachten, die dem psychosomatischen Bereich zugeordnet werden. Die bezieht sich insbesondere auf stress bedingte Symptome wie etwa funktionelle Hypertonie, Spannungskopfschmerz, Schlafstörungen, Unruhezustände usw., häufig unter dem Begriff 'vegetative Dystonie' zusammengefasst. Nicht nur der körperliche, sondern auch der psychische Ausdruck von innerer Spannung und angst ist durch Hatha Yoga bzw. Meditation gut erreichbar. Zahlreiche Studien belegen, dass das subjektive Erleben von Ängstlichkeit und emotionaler Labilität sowie die Irritierbarkeit durch äußere Umstände abgenommen haben. Teilweise sind Übungen aus dem Yoga im Zuge eines Angstbewältigungstrainings eingesetzt worden. Schon die physiologischen und biochemischen Veränderungen währen der Meditation weisen auf ein verringertes Erregungsniveau ('arousal') hin. Damit wird ein Zustand erzeugt, der dem Angsterleben entgegengerichtet ist. Die Ergebnisse in den Untersuchungen fallen häufig umso deutlicher aus, je länger und regelmäßiger die Übungspraxis ist. Hinsichtlich so genannter Neurotizismuswerte (Nervosität, Depressivität, emotionale Labilität, Feindseligkeit, Gehemmtheit usw.) sind bei Meditierenden - ebenfalls nach Länge und Regelmäßigkeit der Praxis - Veränderungen in Richtung einer Stabilisierung gefunden worden (so z.B. der Überblick von Howald, 1989, in Bühler & Wolz-Gottwald, 1989). Von beeindruckenden Ergebnissen zur Wirksamkeit des Yoga bei psychosomatischen Symptomen berichtet Bley (1997; 1998). In einer von Krankenkassen und der Berliner Humboldt-Universität in den Jahren 1993 bis 1995 begleiteten Studie wurden bei Kopfschmerzen 60%, bei Schlafstörungen 71 %, bei Hypertonie 68% sowie bei chronischen Rückenschmerzen 85% spürbare Verbesserungen der Beschwerden nach einer Projektdauer von sechs Monaten gefunden. Darüber hinaus traten signifikant positive Veränderungen im Bereich, Lebenszufriedenheit, emotionale Gehemmtheit', Erregbarkeit’ sowie, emotionale Labilität' bei denjenigen Teilnehmern auf, die sich zuvor diesbezüglich als deutlich beeinträchtigt beschrieben hatten.

Reduzierung depressiver Tendenzen

In verschiedenen Untersuchungen wurde eine Abnahme der Häufigkeit und Intensität depressiver Zustände gefunden. Es gibt jedoch Hinweise, dass diese positive Auswirkung des Yoga-Übens auf eher leichtere Formen der neurotischen Depressivität (die dennoch anhaltend und sehr beeinträchtigend sein können) und auf reaktive Depressionen (ausgelöst durch belastende Lebensereignisse) eingeschränkt ist. Eine schwere und akute depressive Symptomatik (auch im Rahmen psychotischer Erkrankungen) wird hingegen nicht günstig durch die Meditation beeinflusst. Einerseits sind kontraproduktive Entwicklungen möglich und andererseits ist die sog. Abbruchquote sehr hoch. In akuten und tief greifenden depressiven Zuständen kann in der Regel gar nicht meditiert werden, weil die dafür notwendige Selbststeuerung und Haltung der distanzierten, nicht wertenden Beobachtung auch ansatzweise nicht möglich sind, sondern sogar eine weitere Verstrickung mit den Bewegungen des Geistes (Identifikationen) entstehen kann. Hingegen können die Körperübungen des Yoga durchaus auch hier hilfreich sein, wenn sie eher aktivierend als meditativ angeleitet werden. In dieser den Körper aktivierenden Wirkung begründet sich sicherlich zu einem Teil der 'anti-depressive' Effekt des Yoga. Zusätzlich wirken die oben beschriebenen Basis Veränderungen im Lauf des Yoga-Übens einer depressiven Haltung entgegen, indem das Lebensgefühl, der Kontakt zur eigenen Identität sowie Selbstannahme und Selbstvertrauen gestärkt werden. Gerade im Hinblick auf den konstruktiven Einfluss des Yoga bei der sehr weit verbreiteten depressiven Grundhaltung (und dies gehäuft bei Frauen) drängt sich auf, wie wesentlich sich die Art und Weise des Yoga-Lehrens im Unterricht in der Wirksamkeit beim Einzelnen bemerkbar machen kann.

Verringerung von Abhängigkeitshaltungen

Insbesondere bei Langzeit - übenden konnte eine Abnahme des Konsums von legalen Drogen (Alkohol, Nikotin, Koffein, Medikamente) und eine Abschwächung von anderen belastenden Verhaltensmustern beobachtet werden (z.B. Ernährungsverhalten, exzessiver Fernsehkonsum). Dies ist auch dann der Fall, wenn eine Yogaunterrichtung nicht explizit auf die konstruktive Veränderung einer bestimmten Verhaltensweise ausgerichtet ist. Aus psychotherapeutischer Sicht erschließt sich durch den yogischen Übungsweg eine breite Palette von Möglichkeiten, an Gewohnheiten auf der Ebene des Körpers, der Atmung, des Geistes und insgesamt der Lebensführung zu arbeiten. Wie bei den vegetativen Funktionen im Rahmen der Stressbewältigung finden wir auch im psychischen Bereich durch den yogischen Übungsweg eine Aktivierung von konstruktiver Selbstorganisation des Organismus ('Selbststeuerung'). Basis hierfür ist die oben genannte Entwicklung von innerer Achtsamkeit, die Vertiefung und Differenzierung des Kontaktes zum eigenen Erleben und das Etablieren eines inneren Beobachters. Ebenfalls sei erwähnt, dass es eine Reihe von Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften gibt, die von einer erfolgreichen Anwendung von Meditation im Rahmen von Suchttherapien (Drogen, Alkohol) berichten. Ein großer Teil dieser Studien stammt aus dem Umfeld der Transzendentalen Meditation.

Stärkung der Selbststeuerung und Eigenverantwortung

Durch vertieften Kontakt zu sich selbst und Zugang zu den inneren Prozessen wird ein heute weit verbreitetes Erleben reiner Fremdbestimmung und Reaktivität auf die äußere Welt ergänzt durch die Wahrnehmung eigener Anteile. Projektionen auf andere Menschen und Rechtfertigungen des eigenen Verhaltens durch äußere Umstände treten zurück hinter die Übernahme von Verantwortung für sich selbst; das Erleben der Fremdbestimmung kann vermehrt durch Selbststeuerung ersetzt werden. Die typische Wahrnehmungsstruktur 'Was haben meine Mitmenschen und die Welt insgesamt dazu beigetragen, dass es mir schlecht geht?' verändert sich schrittweise in die Frage: 'Was habe ich selbst dazu beigetragen, dass es mir so geht?'. In der Psychologie spricht man hier von Attribuierung der Kausalität, also einer individuellen Bewertung der Ursachenzuschreibung. Ob eine Kausalattribuierung intern oder extern vorgenommen wird, schafft wichtige Vorbedingungen, inwieweit eine Veränderung des Einzelnen in seinem Erleben und seinem Verhalten möglich wird. Denn es folgt daraus unmittelbar, ob eine Person die Veränderung von außen (externe Ursachenzuschreibung) oder von sich selbst (interne Ursachenzuschreibung) erwartet. Die hier beschriebene Veränderung der Wahrnehmung und Bewertung der eigenen Befindlichkeit stellt ein Kernelement jeder Psychotherapie und damit auch der verändernden Wirksamkeit des Yoga dar. Meditierende erscheinen stärker innen geleitet und leben eher in der Annahme, zukünftige Ereignisse und die Entwicklung ihres Lebens sei mehr durch eigenes Handeln als durch Außenereignisse bestimmt.

Das Ich als Konstruktion

Erich Fromm erklärt in seinem Beitrag Psychoanalyse und Zen- Buddhismus (1972), " ... dass sich der Durchschnittsmensch in Wahrheit in einem Halbschlaf befindet, während er glaubt, wach zu sein .... Das meiste von dem, was er für Wirklichkeit hält (außerhalb und innerhalb seiner selbst), ist eine Reihe von Fiktionen, die sein Geist konstruiert.... Er ist sich der Wirklichkeit in dem Ausmaß bewusst, in dem das Ziel des Fortbestehens ein solches Bewusstsein notwendig macht. Die bislang beschriebenen Auswirkungen des Yoga auf der psychischen Ebene können schrittweise in einen Prozess einmünden, durch den der Übende sein eigenes Ich, welches ursprünglich als einheitlich, kontinuierlich und letztlich unveränderlich erlebt wurde, als wechselnde Identifikationen und damit Konstruktionen seines Geistes erkennt. Die Erfahrung der Beobachtbarkeit der Identifikationen kann zu der Erkenntnis führen, dass ich durch diese wechselnden Bewegungen in meinem Geist (Gedanken und Gefühle) nicht vollständig bestimmt bin, dass der Beobachter mit dem Beobachteten nicht vollständig identisch sein kann. Gleichfalls nehmen Erfahrungen zu, dass Identifikationen sich nicht nur ständig verändern, sondern teilweise auch selbstgesteuert veränderbar sind. Ken Wilber beschreibt (1985) in Ein Entwicklungsmodell des Bewusstseins, dass der Prozess der Meditation (und allgemein des Wachstums auf einem spirituellen Weg) vier Phasen aufweist. Ausgangspunkt ist eine vollständige Identifikation mit einem bestimmten Konzept von sich selbst, einem anderen Menschen oder einem bestimmten Bild der 'Wirklichkeit'. Durch Differenzierung wird in einem ersten Entwicklungsschritt sodann eine gegebene Struktur bewusst und zunehmend feiner wahrgenommen. Die Disidentifikation führt nachfolgend allmählich dazu, sich aus bestehenden Mustern zu lösen, die bisher die Wahrnehmung und das Bild von sich, von anderen und von der Welt gestaltet haben. In der dritten Phase der Transzendenz wird die Grenze der betreffenden Identifikation überschritten, so dass danach in der Integration das frühere Bewusstseinsfeld, die zuvor das ausschließliche Ganze dargestellt hat, nunmehr als Teil in eine erweiterte Struktur integriert wird. Was auf der einen Ebene die beherrschende Grundstruktur des Erlebens war, wird auf der nächsten Ebene nach der Transformation zu einer Möglichkeit neben anderen. Das vorherige Ganze wird zu einem Teilaspekt eines Umfassenderen Entwurfes. So etwa der Entwicklungsschritt bei einem Kind, bei dem der Absolutheitsanspruch der subjektiven Weltsicht (das heißt vollständige Identifikation) transformiert wird in eine mögliche Sicht, einen möglichen Standpunkt unter vielen anderen, die gleichberechtigt sind. Welch ein Schritt, wenn ein Kind erkennt, dass es durch das Zuhalten seiner Augen nicht mehr unsichtbar für die Welt wird! Gleichermaßen können gelungene psychotherapeutische Prozesse bei Erwachsenen häufig dadurch beschrieben werden, dass eine Loslösung aus einer vormals allein möglichen Identifikation (zum Beispiel Selbstbildorganisation: 'Niemand mag mich richtig') und Transformation in ein Umfassenderes Konzept von sich selbst und der Welt erfolgte.

(„Quelle“ Carsten Unger / Verlag-ganzheitliches Leben)